Druckluft-Reinigungsdosen für Tastaturen, Kameragehäuse, Elektronikplatinen und Objektive sind in IT-Abteilungen und Haushalten allgegenwärtig. Sie enthalten unter Druck stehende Gase – meist HFC-134a (Tetrafluorethan) oder neuere HFO-Gemische. Als verdichtetes Gas der Klasse 2 unterliegen sie dem ADR. Die entscheidende Frage: entzündbares Treibgas (UN1950, Klasse 2.1) oder nicht entzündbares Treibgas (UN1956, Klasse 2.2)?
Schritt 1: Stoff identifizieren – UN1956 oder UN1950?
Das Treibgas bestimmt die UN-Nummer und damit alle weiteren ADR-Anforderungen:
| Treibgas | UN-Nr. | Klasse | Gefahrzettel | Tunnelcode |
|---|---|---|---|---|
| HFC-134a (1,1,1,2-Tetrafluorethan, R134a) | UN3159 oder UN1956 | 2 | 2.2 (grün) | (–) |
| Allgemeines nicht entzündbares Druckgas (N₂, CO₂, HFC) | UN1956 | 2 | 2.2 (grün) | (–) |
| HFO-1234ze (neueres Kältemittel, nicht entzündbar) | UN3337 oder UN1956 | 2 | 2.2 | (–) |
| Propan/Butan (entzündbar) – in billigen Produkten | UN1950 | 2 | 2.1 (rot) | (D) |
| Dimethylether (DME, entzündbar) | UN1950 | 2 | 2.1 (rot) | (D) |
Kritische Abgrenzung: Günstige Druckluftdosen aus dem Niedrigpreissegment können Propan/Butan oder DME als Treibgas enthalten – diese sind entzündbar und werden als UN1950 (Klasse 2.1) eingestuft, nicht als UN1956. Das Sicherheitsdatenblatt (Abschnitt 9: Flammpunkt und Treibgas-Zusammensetzung) klärt dies eindeutig.
Schritt 2: Tabelle A – alle Kerndaten UN1956
| Parameter | UN1956 (nicht entzündbar) | UN1950 (entzündbar) zum Vergleich |
|---|---|---|
| UN-Nummer | UN1956 | UN1950 |
| Offizielle Benennung | VERDICHTETES GAS, N.A.G. | DRUCKGASPACKUNGEN |
| Klasse | 2 | 2 |
| Klassifizierungscode | 1A (erstickend/inert) oder 2A | 5F (entzündbar) |
| Gefahrzettel | 2.2 (grüne Gasflasche) | 2.1 (rote Flamme) |
| Transportkategorie | 3 | 2 |
| Tunnelcode | (–) | (D) |
| Begrenzte Mengen (LQ) | 1 kg | 1 kg |
| Freigestellte Mengen (EQ) | E0 – nicht möglich | E0 – nicht möglich |
| Freigrenze nach 1.1.3.6 | 1.000 kg | 333 kg |
Schritt 3: LQ – 1 kg je Einzeldose
| Bedingung | LQ-Anforderung (UN1956) |
|---|---|
| Max. Gasmenge je Innenverpackung (Einzeldose) | 1 kg |
| Max. Bruttomasse Außenverpackung | 30 kg |
| Kennzeichnung Außenverpackung | LQ-Raute (Quadrat auf Spitze, leer) |
| Beförderungspapier erforderlich? | Nein (bei reiner LQ-Sendung) |
Handelsübliche Druckluftdosen (200–400 ml, Füllmenge 100–300 g) liegen alle weit unter 1 kg je Dose. LQ ist für alle handelsüblichen Dosengrößen problemlos anwendbar. Ein Versandkarton mit 12 Dosen à 200 g = 2,4 kg Gesamtinhalt – jede Dose bleibt unter 1 kg (sie ist je eine Innenverpackung), der Karton bleibt unter 30 kg. LQ klar möglich.
| Dosengröße | Typische Füllmenge Gas | LQ möglich? |
|---|---|---|
| 200 ml Dose (Mini-Format) | ca. 100–130 g | Ja ✓ |
| 400 ml Dose (Standard) | ca. 200–280 g | Ja ✓ |
| 750 ml Dose (Profi-Format) | ca. 450–550 g | Ja ✓ |
Schritt 4: EQ – nicht möglich (E0)
Für alle Klasse-2-Gase unter UN1956 ist E0 eingetragen. Freigestellte Mengen sind generell nicht möglich – auch nicht für kleinste Dosen. EQ scheidet vollständig aus.
Schritt 5: Freimengenrechnung – großzügige Freigrenze für UN1956
Transportkategorie 3 → Freigrenze 1.000 kg je Beförderungseinheit. Das ist deutlich großzügiger als bei UN1950 (333 kg). Für den IT-Zubehör-Versandhandel:
- 1.000 Dosen à 250 g = 250 kg → unter 1.000 kg, keine volle ADR-Pflicht ✓
- 4.000 Dosen à 250 g = 1.000 kg → genau an der Freigrenze
- 5.000 Dosen à 250 g = 1.250 kg → über Freigrenze → volle ADR-Pflicht
Schritt 6: Das Temperaturrisiko – keine Hitze über 50 °C
Druckgasdosen dürfen nicht Temperaturen über 50 °C ausgesetzt werden. Der Grund: Der Innendruck steigt mit der Temperatur; bei Überschreiten des Auslegungsdrucks kann die Dose bersten. Praxisrelevant:
- Im Sommer-Pkw oder Lieferfahrzeug ohne Klimatisierung können Innentemperaturen 70–80 °C erreichen
- Keine Druckdosen in der prallen Sonne lagern (Ladefläche, Kofferraum)
- Druckdosen nicht in der Nähe von Heizquellen, offenen Flammen oder heißen Maschinenteilen lagern
- Schriftliche Weisungen bei Volldeklaration müssen auf Hitzerisiko hinweisen
Schritt 7: Erstickungsgefahr bei HFC-134a-Gasen
HFC-134a ist nicht brennbar und nicht akut giftig, aber bei hohen Konzentrationen im geschlossenen Raum kann es Sauerstoff verdrängen und zur Erstickungsgefahr führen. Bei größeren Transportmengen:
- Laderaum nach der Fahrt belüften vor dem Einsteigen
- Bei Leckage im Laderaum: frische Luft zuführen, nicht einatmen
Schritt 8: Häufige Fehler
- Entzündbare Treibgase (Propan, DME) fälschlich als UN1956 (nicht entzündbar) deklariert – Sicherheitsdatenblatt nicht gelesen
- EQ auf Druckluftdosen angewendet – E0, generell nicht möglich
- Temperaturrisiko bei Sommertransport unterschätzt – Berstgefahr
- UN1956 und UN1950 gleichbehandelt – verschiedene Tunnelcodes, verschiedene Freigrenzen
Gefahrzettel 2.2 (grün) statt 2.1 (rot) – falsche Farbe wenn Treibgas entzündbar ist
Entscheidungsbaum: Was gilt für meinen Transport?
Druckluft-Reinigungsspray transportieren?
│
├─ Treibgas-Identifikation (Sicherheitsdatenblatt Abschnitt 9):
│ ├─ HFC-134a, HFO, CO₂, N₂ (nicht entzündbar)?
│ │ └─ UN1956, Klasse 2.2 – Gefahrzettel grün (2.2)
│ └─ Propan, Butan, DME (entzündbar)?
│ └─ UN1950, Klasse 2.1 – Gefahrzettel rot (2.1) – strengere Anforderungen!
│
├─ Für UN1956: Gasmenge je Dose ≤ 1 kg?
│ └─ Ja (immer für Standarddosen) → LQ möglich:
│ • LQ-Raute auf Außenkarton
│ • Max. 30 kg Bruttomasse Außenkarton
│ • Kein Beförderungspapier ✓
│
└─ Gesamtmenge > 1.000 kg (UN1956) / > 333 kg (UN1950)?
└─ Volle ADR-Pflicht:
• Beförderungspapier: UN1956, 2, 1A
• Gefahrzettel 2.2 auf Versandstück
• Tunnelcode (–) für UN1956
• Schriftliche Weisungen (Hitzerisiko!)
Muster-Beförderungspapier (volle ADR-Pflicht, UN1956)
UN1956 VERDICHTETES GAS, N.A.G. (1,1,1,2-Tetrafluorethan), 2, 1A, 1.200 kg, 4.800 Dosen à 250 g in 240 Kartons à 20 Dosen Absender: [Name, Straße, PLZ, Ort] Empfänger: [Name, Straße, PLZ, Ort] Tunnelbeschränkungscode: (–)
Fazit
Druckluft-Reinigungsspray für Tastaturen und Elektronik ist UN1956 (nicht entzündbar) – aber nur, wenn das Treibgas tatsächlich nicht brennbar ist. Das Sicherheitsdatenblatt muss vor der Deklaration konsultiert werden. LQ mit 1 kg je Dose deckt alle handelsüblichen Dosengrößen ab. EQ ist ausgeschlossen. Im Vergleich zu entzündbaren Aerosolen (UN1950) hat UN1956 einen deutlich günstigeren Tunnelcode (kein Verbot) und eine großzügigere Freigrenze (1.000 kg statt 333 kg). Das Temperaturrisiko bei Sommer-Transporten sollte in der Fahrerweisung explizit erwähnt werden.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Fachberatung. Maßgeblich ist ADR 2025 in der jeweils gültigen Fassung.