Räucherstäbchen und Räucherkohle wirken harmlos – ein Stück gepresste Kohle, ein aromatisches Stäbchen. Doch während Räucherstäbchen in den meisten Fällen kein ADR-Gefahrgut sind, ist Räucherkohle definitiv ADR-relevant. Der Grund liegt in der Klasse 4.2: Tierische und pflanzliche Kohle kann sich selbst entzünden, ohne äußere Zündquelle. Wer Räucherkohle, Shisha-Kohle oder Grill-Anzündkohle in größeren Mengen transportiert, muss die Verpackungsgruppe kennen.
Schritt 1: Was ist Gefahrgut – und was nicht?
| Produkt | ADR-relevant? | UN-Nr. | Begründung |
|---|---|---|---|
| Räucherstäbchen (fertig imprägniert, trocken, gebunden) | In der Regel nein | – | Kein Flammpunkt <60 °C, keine Selbstentzündlichkeit nachgewiesen, keine klassifizierungspflichtige Substanz |
| Räucherkohle (Shisha-Kohle, Anzündkohle) | Ja | UN1361 | Pflanzliche/tierische Kohle, Klasse 4.2 S2 |
| Grillkohle / Holzkohle | Ja | UN1361 | Gleiche Einstufung wie Räucherkohle |
| Aktivkohle | Ja | UN1362 | Eigene UN-Nummer, Klasse 4.2 VG III |
| Räucherchips (Holzspäne, trocken, unbehandelt) | Nein | – | Trockenes Holz ist nach ADR kein Gefahrgut |
| Räuchermehl (Holzmehl, trocken) | Nein | – | Wie Räucherchips – kein ADR-Gefahrgut |
Schritt 2: Stoff identifizieren – UN1361 und seine Varianten
| UN-Nr. | Offizielle Benennung | Klasse | Code | VG |
|---|---|---|---|---|
| UN1361 | KOHLE, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs | 4.2 | S2 | II oder III |
| UN1362 | AKTIVKOHLE (AKTIVIERTER KOHLENSTOFF) | 4.2 | S2 | III |
Räucherkohle und Shisha-Kohle ist pflanzlichen Ursprungs (Kokosnussschale, Holz) – immer UN1361. Aktivkohle (z. B. für Wasserfilter, Aquarien) ist durch einen gesonderten Aktivierungsprozess hergestellt und trägt die eigene UN-Nummer 1362.
Schritt 3: Tabelle A – Kerndaten UN1361
| Parameter | VG II | VG III |
|---|---|---|
| UN-Nummer | UN1361 | UN1361 |
| Offizielle Benennung | KOHLE, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs | |
| Klasse | 4.2 | 4.2 |
| Klassifizierungscode | S2 | S2 |
| Gefahrzettel | 4.2 | 4.2 |
| Transportkategorie | 2 | 3 |
| Tunnelcode | (–) | (–) |
| Begrenzte Mengen (LQ) | 0 – nicht möglich | 5 kg |
| Freigestellte Mengen (EQ) | E0 | E1 (1 g / 30 g) |
| Verpackungsanweisung | P410, IBC06 | P410, IBC06 |
| Freigrenze nach 1.1.3.6 | 333 kg | 1.000 kg |
Schritt 4: VG II oder VG III – wie bestimmen?
Die Verpackungsgruppe bei UN1361 hängt von der Selbstentzündungstemperatur (SET) und der Produktionsfrische ab. Gemäß ADR 2.2.41.1 gelten folgende Kriterien:
| Situation / Prüfkriterium | Verpackungsgruppe |
|---|---|
| Selbstentzündungstemperatur ≤ 50 °C (UN-Prüfmethode N.1) | VG II |
| Frisch hergestellte Holzkohle, Temperatur bei Abfüllung > 40 °C | VG II |
| Selbstentzündungstemperatur > 50 °C, gut gelagert, Produktion > 2 Wochen | VG III |
| Handelsübliche Shisha-Kohle / Räucherkohle aus Einzelhandel | VG III (typisch) |
Für den Transport im Einzelhandel gilt: Handelsübliche, vollständig ausgekühlte Räucherkohle und Shisha-Kohle in Originalverpackung ist in aller Regel VG III. Das Sicherheitsdatenblatt des Herstellers gibt die Verpackungsgruppe an und ist maßgeblich.
Schritt 5: LQ – nur für VG III möglich
| Bedingung | LQ VG III (UN1361) |
|---|---|
| Max. Menge je Innenverpackung | 5 kg |
| Max. Bruttomasse Außenverpackung | 30 kg |
| Kennzeichnung Außenverpackung | LQ-Raute (Quadrat auf Spitze, leer) |
| Beförderungspapier erforderlich? | Nein (bei reiner LQ-Sendung) |
| Gefahrzettel auf Außenverpackung? | Nicht erforderlich (LQ-Raute ersetzt) |
| Gültig für VG II? | Nein – LQ = 0 für VG II |
Praxisbeispiel: Shisha-Kohle in 1-kg-Beuteln, 20 Beutel je Außenkarton = 20 kg. Jeder Beutel ist eine Innenverpackung mit 1 kg – unter der 5-kg-Grenze. Außenkarton mit 20 kg – unter 30 kg. LQ anwendbar, LQ-Raute auf Karton, kein Beförderungspapier erforderlich.
Schritt 6: EQ – E1 für VG III
| E-Code | Max. je Innenbehälter | Max. je Außenverpackung (gesamt) |
|---|---|---|
| E1 | 1 g | 30 g |
EQ E1 erlaubt maximal 1 g je Innenbehälter und 30 g gesamt. Für Räucherkohle sind diese Mengen (30 g entspricht einer kleinen Einzelportion) praktisch nur für Muster-/Probenversendungen relevant.
Schritt 7: Besondere Gefahr – Selbsterhitzung in Großmengen
Kohle der Klasse 4.2 kann sich in Großmengen durch Selbsterhitzung entzünden – in Containern, auf Paletten, in Lagerräumen. Besondere Vorsichtsmaßnahmen bei größeren Mengen:
- Keine Lagerung in geschlossenen, unbelüfteten Räumen oder Containern ohne Temperaturkontrolle
- Kohle darf nicht feucht werden – feuchte Kohle hat deutlich höhere Reaktivität
- Belüftung des Laderaums sicherstellen – insbesondere bei Seefracht
- Keine Zusammenlagerung oder Zusammenladung mit Oxidationsmitteln (Klasse 5.1) – Gefahr der Brandverstärkung
Frisch produzierte Kohle vor dem Verladen vollständig abkühlen lassen
Schritt 8: Häufige Fehler
- Grillkohle, Räucherkohle und Holzkohle nicht als Gefahrgut erkannt – „das ist doch nur Kohle“
- Verpackungsgruppe nicht bestimmt – Sicherheitsdatenblatt nicht konsultiert
- LQ auf VG-II-Ware angewendet – LQ = 0 für VG II, nicht zulässig
- Frisch hergestellte Kohle ohne VG-II-Prüfung transportiert
- Feuchte oder nicht vollständig abgekühlte Kohle verladen
Entscheidungsbaum: Was gilt für meinen Transport?
Räucherkohle / Shisha-Kohle transportieren?
│
├─ Räucherstäbchen (imprägniert, trocken)?
│ └─ Kein Gefahrgut → kein ADR ✓
│
└─ Räucherkohle / Shisha-Kohle / Grillkohle (Kohle)?
│
├─ Sicherheitsdatenblatt vorhanden?
│ └─ VG I/II/III aus SDB entnehmen
│
├─ VG II (frisch produziert / SET ≤ 50 °C)?
│ ├─ LQ nicht möglich (LQ = 0)
│ └─ Volle ADR-Pflicht ab erstem kg
│
└─ VG III (handelsüblich, ausgekühlt)?
├─ Menge je Innenverpackung ≤ 5 kg?
│ └─ LQ möglich → LQ-Raute, kein Beförderungspapier ✓
└─ Menge je Innenverpackung > 5 kg oder VG II?
└─ Volle ADR-Pflicht:
• Beförderungspapier UN1361, 4.2, VG III/II
• Gefahrzettel 4.2 auf Versandstück
• Schriftliche Weisungen
• Freigrenze 1.000 kg (VG III) / 333 kg (VG II)
Muster-Beförderungspapier (VG III, volle ADR-Pflicht)
UN1361 KOHLE, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs, 4.2, VG III, 200 kg, 200 Beutel à 1 kg auf 4 Paletten Absender: [Name, Straße, PLZ, Ort] Empfänger: [Name, Straße, PLZ, Ort] Tunnelbeschränkungscode: (–)
Fazit
Räucherstäbchen sind kein ADR-Gefahrgut – Räucherkohle, Shisha-Kohle und Grillkohle dagegen schon. UN1361, Klasse 4.2. Die Verpackungsgruppe bestimmt alles: VG III erlaubt LQ bis 5 kg je Beutel und deckt den gesamten Einzelhandelsbereich ab. VG II (frische Produktion) kennt kein LQ und verlangt sofort volle ADR-Pflicht. Das Sicherheitsdatenblatt des Herstellers ist bei jeder neuen Ware Pflichtlektüre.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Fachberatung. Maßgeblich ist ADR 2025 in der jeweils gültigen Fassung.